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„Früher war mehr Lametta“ –
Ein Nachruf auf Vicco von Bülow
Vicco von Bülow ist in der Nacht von Montag, dem 22. August 2011 in Ammerland am Starnberger See an Altersschwäche gestorben. Ob als Herr Müller-Lüdenscheid in der Badewanne oder als Herr Hoppenstedt beim Streit um einen Kosakenzipfel: Vicco von Bülow war einer der bedeutendsten Humoristen Deutschlands. Um es vorwegzunehmen: Loriot war ein Ausnahmekünstler, ein genialer Kopf- und Baucharbeiter, dessen Humor quer durch alle Gesellschaftsschichten ging. Vielleicht war er sogar der wichtigste Humorist, den Deutschland bislang hervorgebracht hat - und der uns geflügelte Worte schenkte wie "Wo laufen Sie denn?", "Im Herbst eröffnet der Papst mit meiner Tochter eine Herrenbutike in Wuppertal" oder "Früher war mehr Lametta".
Loriot, u.a. Träger des »Großen Verdienstkreuzes mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland«, wurde mit zahlreichen Film- und Fernsehpreisen ausgezeichnet. Bereits 1973 bekam er den »Grimme-Preis in Silber«, 1984 den »Erich-Kästner-Preis für Literatur« und 2004 den »Jacob-Grimm-Preis« für seinen Einsatz um die deutsche Sprache«. Zuletzt erhielt Loriot 2007 den »Wilhelm-Busch-Preis« für sein Lebenswerk und 2009 den »Lola-Ehrenpreis« der Deutschen Filmakademie.
Unvergessen ist das Blitzen seiner Augen, wenn er aus dem Stegreif Sätze formulierte, für die andere wochenlang überlegen mussten. Ob auf dem roten Sofa mit seiner 2007 verstorbenen Sketchpartnerin Evelyn Hamann, als Stimme seines Cartoonhundes Wum oder in seinen Filmen: Loriot hat nicht nur ein Fernsehpublikum, sondern die ganze Nation begeistert. "Ödipussi" und "Pappa ante Portas" gehören noch 20 Jahre nach ihrer Entstehung zu den TV-Dauerbrennern, in Umfragen liegt der Bekanntheitsgrad des bekennenden Mops-Freundes bei 92 Prozent.
Mit Sketchen wie "Das Jodeldiplom" ("Du dödl di! Dö dudl dö ist zweites Futur"), "Kosakenzipfel" oder "Herren im Bad" bezauberte der 1923 in Brandenburg an der Havel geborene Offizierssohn auch schwerblütigere Charaktere und verfolgte dabei ein konkretes Ziel: Loriot wollte beweisen, dass die Deutschen "wie alle anderen Nationen auch Humor haben".
Er fasste dies als eine Art geschichtlichen Auftrag auf. Denn von Bülow besuchte in Stuttgart das humanistische Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, das er 1941 siebzehnjährig mit Notabitur verließ. Er begann, entsprechend der Familientradition, eine Offizierslaufbahn, war drei Jahre mit der 3. Panzerdivision an der Ostfront im Einsatz und wurde mit dem Eisernen Kreuz zweiter und erster Klasse ausgezeichnet; er erreichte den Dienstgrad Oberleutnant. Sein jüngerer Bruder Johann-Albrecht fiel als Leutnant am 21. März 1945 bei Gorgast im Oderbruch. Auf die Frage, ob er im Zweiten Weltkrieg ein guter Offizier gewesen sei, antwortete Vicco von Bülow in einem Interview: „Nicht gut genug, sonst hätte ich am 20. Juli 1944 zum Widerstand gehört. Aber für den schauerlichen deutschen Beitrag zur Weltgeschichte werde ich mich schämen bis an mein Lebensende.“ Die schrecklichen Erlebnisse des Dritten Reiches und des Krieges verarbeitete von Bülow, zu dessen Vorfahren auch ein Reichskanzler zählt, mit Humor.
Die Grenzen dieses Humors reizte er schon mit seinen frühen Karikaturen aus, in denen Hunde Menschen als Haustiere halten - unerhört, befand die Nachkriegsgesellschaft. In den 50er- und 60er-Jahren zeichnete Loriot Cartoons für Illustrierte wie "Stern" und "Quick". Auf die Laufbahn eines Karikaturisten, schrieb er, habe er sich gewissenhaft vorbereitet: "Durch das Erlernen alter Sprachen, die Teilnahme an einem Lehrgang für Panzertruppen sowie durch ein dreijähriges Studium an der Landeskunstschule Hamburg und die Ablegung einer Prüfung, die mich zum Führen eines Automobils berechtigt." Damals bot er seine Zeichnungen großen deutschen Buchverlagen an. Die lehnten ab - eine Heimat fand er beim Schweizer Diogenes-Verlag, dem er bis zu seinem Tod treu geblieben ist. Dort gehörte er 60 Jahre zu den wichtigsten Umsatzbringern. 114 Buchausgaben bescherten ihm Millionenumsätze.
Gerade mal 1500 Mark bekam er für seine ersten Sendungen, die er Anfang der 70er-Jahre bei der ARD komplett verantwortete - als Schreiber, Regisseur und Schauspieler. Seine immense Wirkung verdankt Loriot wohl den Absurditäten des menschlichen Verhaltens, die er darstellte wie kein Zweiter. Der Streit zwischen Herrn Müller-Lüdenscheid und Herrn Dr. Klöbner lässt sich jederzeit auf Konkurrenzkämpfe außerhalb des Badezimmers übertragen. Der Satz "Wenn Sie die Ente hereinlassen, lasse ich das Wasser hinaus" kann mit kleinen Änderungen auch in jeder Vorstandsetage fallen. Als "lebensklugen Beobachter menschlicher Schwächen" lobte Bundespräsident Christian Wulff das Multitalent. Victor von Bülow ist tot, aber Loriot wird in den Herzen der Menschen weiterleben. Trotzdem werden wir ihn vermissen. Und für den Deutschen Humor gilt nach Vicco von Bülow ohnehin einer seiner großen Sätze: „Früher war mehr Lametta!“
Ihr
Dieter Fischer
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