Asphaltfüchse in Lappland

Hallo Freunde,

ich bin Peter Helbig von der KK Trebbin im LV Brandenburg und möchte Euch einmal ein für mich einmaliges Erlebnis in Corona Zeiten beschreiben – eine Fahrt mit einem 40 Tonnen Truck nach Schweden. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen.

 

Der Mai ist gekommen. Kraniche, zurückgekehrt aus dem Süden, balzen lauthals über den brandenburgischen Auen. Dazwischen mischen sich, nicht minderlaut, die Werbetänze der Wildgänse. Sonne satt, so zeigt sich die heimatliche Natur. Sie leckt den morgendlichen Tau von den Wiesen. Ich bin neidisch, besonders auf die angekommene Nachtigall mit ihren endlosen und nimmermüden Gesängen. Sie kam von weit her. Auch ich habe Fernweh. In mir verspüre ich nach etlichen Wochen Shutdown den Drang nach Bewegung und Ortswechsel. Ich möchte Freunde treffen, Sport treiben und vor allem mit meiner Familie Spaß haben. Leider ist das alles nicht möglich in der Zeit einer Pandemie. Das öffentliche Leben ist bis auf systemrelevante Bereiche nahezu zum Stillstand gelangt. Die, die es können, arbeiten im Homeoffice. Andere gehen, wenn es möglich ist, normal ihrer Arbeit nach. Und wieder andere sind auf Kurzarbeit. Schlimmer noch, viele verlieren ihre Jobs. Hinzu kommt, wir alle müssen auf liebgewordene Dinge verzichten. Ungeduld macht sich breit. Wer aber sind diejenigen, die das System, wenn auch auf Sparflamme, am Leben erhalten. Es sind die Pflegekräfte, Ärzte und Schwestern, die die medizinische Versorgung aufrechterhalten, das Zug- und Buspersonal, die die Menschen zur Arbeit bringen, und nicht zuletzt die Verkäuferinnen und Verkäufer in den Supermärkten, die allen Engpässen zum Trotz die Versorgung unserer Bürger gewährleisten. Wer aber sorgt für die Aufrechterhaltung der Lieferketten für Lebensmittel und anderen wichtigen Gütern für unsere Supermärkte und den lebenswichtigen Wirtschaftszweigen in Deutschland? Trotz Grenzschließungen muss der Güterverkehr auf der Straße und der Schiene am Laufen gehalten werden!

 

Schon seit vielen Jahren hegte ich den Wunsch, einmal mit einem Truck das Fernfahrerleben hautnah zu spüren, den Staub auf der Straße zu riechen und die vermeintliche Romantik zu genießen. Im Sommer letzten Jahres habe ich dieses Vorhaben meinem großen Freund Renè mitgeteilt. Er ist Brandenburger und fährt für eine süddeutsche Spedition Wirtschaftsgüter für Deutschland durch Europa. Renè, 55 Jahre alt, ist ein Urgestein von Fernfahrer, hat seit seiner Soldatenzeit nicht anderes getan und hat sich damit einen Lebenstraum erfüllt, den seine Familie voll toleriert. Er ist Vater zweier Kinder und stolzer Opa seiner Enkel Ashley und Lennard. Er wollte mich, wenn es klappt, auf eine Tour mitnehmen. Naja, ich habe solche Zusagen derart schon oft bekommen. Daher habe ich sie nicht so wirklich ernst genommen...

 

Aber einem Trucker - Wort hätte ich schon vertrauen sollen. Jedenfalls habe ich diese Erfahrung dann an einem Mittwoch im Frühjahr 2020 machen müssen. Er sagte: “Es geht los, entscheide Dich schnell“. Alle Genehmigungen, auch die seiner Firma seien erteilt, ich müsse mich nur schnell entscheiden. Ziel: Nördlicher Polarkreis in Schweden, weit nördlich von Umea in Lappland.

 

Unglaublich, ich war für den Moment sprachlos und brauchte einige Minuten. Nie im Leben hätte ich es für möglich gehalten, dass ich eine solche Gelegenheit in Mitten dieser Corona- Krise erhalten würde. „Morgen Früh … bringe Bettzeug mit“, das war seine Reaktion auf meine spontane Zusage. Tags drauf um 10.30 Uhr starteten wir im brandenburgischen Ludwigsfelde über die A 10 Richtung Norden. Mein Gepäck landete kurzer Hand auf dem oberen Bett in der Fahrerkabine und ich nahm auf dem Beifahrersitz meinen Platz ein, der es für eine Woche auch bleiben sollte. Für mich eine völlig neue Perspektive, so hoch oben zu sitzen und dem Verkehr zu folgen. Vor mir auf der Ablage lagen zwei Zeitungen, „Fernfahrer“ und der „Trucker“. „Wenn du Langeweile hast“, erklärte Renè . Dazu sollte es aber nicht kommen. Das erste Mal in einem 40 Tonnen – Truck waren die Eindrücke für mich überwältigend. Allein die Kabine. Arbeitsplatz, Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer und Waschraum in Einem. Das alles auf engsten Raum. Jeder freie Platz ist ausgenutzt. Überall Ablagen und eingebaute Schränke. Ein Kühlschrank, Kaffeemaschine, HiFi – Anlage, alles hat seinen Platz. Renè war die letzten Wochen zu Hause. Er freute sich, dass er wieder arbeiten konnte. Das erste Tagesziel hieß Kiel, Einchecken und Verladen des Trucks auf die Fähre „Scandinavica“. Wegen der Einhaltung der vorgeschriebenen Lenkzeiten (max. 4,5 Stunden) legten wir in Herzsprung eine Tankpause ein. Mit Mundschutz betraten wir den Verkaufsraum der Tankstelle um uns eine Bockwurst zu kaufen, die wir dann im Freien „genossen“. Nach einer Standzeit von Minimum 15 Minuten ging es weiter. Renè beantwortete mir mit einer Engelsgeduld alle mir einfallenden Fragen zum Truckerleben.

 

In Kiel um 16.00 Uhr angekommen, stellten wir uns in die Reihe der wartenden Trucks vor dem Schwedenkai. Noch nie hatte ich so viele LKW’s auf einem Platz gesehen. Jetzt checkten wir ein - wie in einem normalen Hotel. Hochspannend war dann auch das Verladen der Trucks auf die Fähre. Aufgereiht wie an einer Perlenschnur wurden die Fahrzeuge, so auch wir, in das Innere der Fähre gelotst. Nach dem Beziehen der Kabinen eilten wir auf das 11 er Deck, um die Aussicht über die Kieler Stadt in der Frühlingssonne zu genießen. Nach dem Auslaufen bestaunte ich das Hafenleben und das vorbeiziehende Marinedenkmal. Es fiel auf, dass die Fähre außer uns Trucker kaum Passagiere an Bord hatte. In den Gängen liefen überall Bedienstete, die die Handläufe immer wieder desinfizierten. Cafés, Spielhallen und Restaurants, alles leer, keine Gäste. Bei den Mahlzeiten hielten sich alle an die Abstandsregeln. Auch wenn es keine Maskenpflicht an Bord gab, wurden die Speisen hinter einer Glasscheibe nach den Wünschen der Gäste zusammengestellt und ohne direkten Kontakt ausgehändigt. Bei der langjährigen Berufserfahrung von Renè ist es nicht verwunderlich, dass er viele seiner Kollegen gut kennt. So auch Andy und Toni, die ebenfalls an Bord waren. Der lockere Ton, den sie pflegten zeigte mir ihre Vertraulichkeit. Andy, der für die gleiche Spedition fährt, ist Anfang 30, ausgebildeter KFZ-Mechatroniker und fährt ebenfalls schon mehrere Jahre im europäischen Fernverkehr und hatte das gleiche Ziel wie wir. Toni, in etwa mit Andi gleichaltrig, hingegen hat nach dem Vorbild seines Vaters den Beruf von der Pike auf gelernt und fuhr für eine andere Spedition. Sein Ziel lag in Norwegen. Daher sollten sich unsere Wege am 4. Tag unserer Tour trennen. Schade, er erwies sich nun als wirkliches Original mit kesser Lippe und hohem Unterhaltungswert. Schon auf der Fähre wechselten sich die beiden bei dem Erzählen von Episoden, manchmal nicht ganz stubenrein, gegenseitig ab. Wir haben schallend gelacht, als er über seine Praktiken des „Mädchenaufreißens“ sein Trucker-latein zum Besten gab.

 

Am nächsten Morgen, früh um 9.00 Uhr labte ich mich am Anblick des Einlaufens der Fähre in den Hafen von Göteborg, ein fantastischer Anblick - wenn auch bei bedecktem Wetter. Wir starteten nach kurzer Ausweiskontrolle durch den schwedischen Zoll im Dreier – Pack und fuhren in nördliche Richtung an der Ostseeküste entlang, um dann Stockholm zu umfahren. Ich bestaunte die wasserreiche Landschaft und nervte Renè mit meinen unendlichen Fragen. Wegen der Lenkzeiten legten wir ca. 100 km nordöstlich von Stockholm in mitten der Pampa auf einem Parkplatz, der das Parken von 3 Trucks zuließ, eine Pause ein. Anschließend fuhren wir bis zu einem Campingplatz bei Harmänger ca. 250 km nordöstlich von Stockholm. Es regnete und die Uhr zeigte 19.30 Uhr. Zeit also um Feierabend für Heute zu machen. In der Pizzeria gab es wenigstens noch eine Kleinigkeit zum Abendbrot. Waschen und Duschen konnte man hier auch, kostenfrei! Nach einer Büchse Bier zwischen den Trucks ging es ans Betten machen im Truck. Jetzt zeigte sich doch der vorhandene Platzmangel in der Kabine. Gepäck nach unten und Betten beziehen. Rene‘ hatte schon alles routiniert im Griff als ich immer noch um Ordnung rang. Auf einem Tablet, welches auf der Mittelkonsole stand, schauten wir noch eine Weile das „heute- Journal“ bis uns die Augen zufielen. Renè ist gut organisiert. Über eine APP schaut er in ganz Europa deutsches Fernsehen via Internet ohne sein eigenes Datenvolumen zu belasten. Dass das ging, war neu für mich.

 

Der dritte Tag begann sehr früh mit der Suche nach einer Dusche für mich. Fehlanzeige! Wenigstens eine Waschgelegenheit nahe dem Bungalow war zu entdecken. Nach dem Frühstück in der Kabine ging es um 7.00 Uhr ab über Dockstar, wo wir tankten, über Örnsköldsvik nach Aörnefors, einem Rastplatz in der Nähe des beschaulichen kleinen Hafenörtchens Hörnefors. „So“, sagte Renè, „hier machen wir die 24“. Was ist das denn, dachte ich. Renè musste meinen fragenden Gesichtsausdruck bemerkt haben. „Die Ruhepause von 24 Stunden ist gesetzlich vorgeschrieben und muss daher fest in die Tour eingeplant werden, um die Arbeitszeiten einzuhalten“, so erläuterte Rene‘. Auf dem Rastplatz befand sich ein türkisch geführtes Restaurant, wo wir zu Abend speisten. Ich entschied mich für Buletten, man waren die salzig! Andy und Toni zogen wieder ihre Zoten ab und es war sehr lustig. 24 bedeutete auch ausschlafen. Mit einer warmen Dusche im Sanitärbereich des Restaurants begann der vierte Tag. Die Vormittagssonne lud zum Spaziergang ein und wir schlenderten zu viert in Richtung des vermeintlich vorhandenen Hafens von Hörnefors. Nach einer gefühlten Stunde war noch immer kein Hafen in Sicht, wohl aber dicke Regenwolken im Anzug, was uns zur Einkehr in ein schickes kleines Restaurant „zwang“. Regenschirme hatten wir zwar dabei, aber die waren im Truck verblieben. Nach dem Regen wieder zurück zum Parkplatz. So blieb der vorhandene Hafen leider nur eine Vorstellung in unseren Köpfen. Spät am Nachmittag stießen Rüdiger und Mariùs zu uns. Sie hatten über die Gruppen – APP, die die Kollegen miteinander nutzten, unseren Aufenthaltsort ausgemacht. Beim gemeinsamen Kaffee verabschiedeten wir dann Toni aus unserer Mitte. Für mich mit etwas Wehmut. Er ist einfach ein toller Typ. Rüdiger ein Endfünfziger und das Schwergewicht Mariùs fuhren ebenfalls noch vor dem Abendessen weiter.

 

Um 05.00 Uhr des fünften Tages kletterte ich aus der Kabine und genoss die langen Schatten der Morgensonne, um dann den Tag mit einer „Truckerdusche“ zu beginnen. Nach dem Kabinenfrühstück fuhren wir, nur noch im Zweierpack mit Andy, in Richtung Umea, der nördlichsten Universitätsstadt Schwedens. Hier oben in Kramfors Sandöverken ist die höchste Brücke des Landes „Högakustenbron“ zu bewundern. Sie ist 186 Meter hoch und über 1.800 Meter lang. Die längste Stützweite beträgt 1.210 Meter. - Beeindruckend! - Gegen 11.00 Uhr erreichten wir unseren Zielort nördlich von Arvidsjaur. Eine hölzerne Elchgruppe ziert den Ort. Es liegt ordentlich Schnee, die Seen und Flüsse sind zugefroren. Es ist eine andere Welt, dieses Lappland. Die Straßen sind Schneefrei, sind aber noch von den farbigen Markierungsstäben gesäumt, die bei Verwehungen den Verlauf der Straße kennzeichnen. Hier hoch oben, zwischen dem oberen bottnischen Meerbusen und der Nordsee nahe der Nordspitze Schwedens, nehmen wir Industriegüter für Deutschland auf. Für Renè ist das Laden harte Arbeit. Ich vertreibe mir indessen die Zeit in der Kantine.

 

Von hier oben, 1.300 km nördlich von Stockholm nahmen wir unseren neuen Zielort, München in Bayern, ins Visier. Heute sollte es noch bis Bygdea reichen, wo uns schon um 20.00 Uhr die Augen zufielen. Nach der morgendlichen „Truckerdusche“ ging es am Tag sechs wieder nach Örnkoldsvik, wo wir einen Tankstopp einlegten. Ich nutzte die Zeit, um ein paar Bilder von der dort befindlichen Skisprungschanze fest zu halten. Im Gegensatz zur Herfahrt schien die Sonne und man konnte den aufbrechenden Frühling genießen. Mit einigen Pausen erreichten wir spät am Abend Köping. Am Tag sieben trafen wir um 12.30 Uhr in Horn ein und freuten uns auf ein Wiedersehen mit Mariùs. Auch er war auf dem Rückweg. Im Inneren seiner Kabine protzt über der Beifahrertür ein 28 Zoll Monitor, über den er in lenkfreier Zeit das Fernsehen via Internet genießen konnte. Darüber staunte ich nicht schlecht. Noch am selben Abend checkten wir in die „Skandinavica“ im Hafen von Göteborg ein. Hier trafen wir wieder auf Andy und Rüdiger. Die Kollegen hatten sich viel zu erzählen. Ich zog es vor, in der Kajüte warm zu duschen und schnell einzuschlafen.

 

Pünktlich um 09.15 Uhr legten wir in Kiel an. Es sollte mein letzter Tag an der Seite von Renè sein. Er bekam von seiner Firma den Anschlussauftrag. Nach München sollte Südfrankreich sein Ziel sein. Auf dem Weg nach Herzsprung wurde es schweigsam in der Kabine. Vorbei die Zeit des gemeinsamen Singens, die Zeit der Späße und Blödeleien. Wir wussten beide, dass der Punkt des Abschiedes nahte. Hinzu kam dann noch ein Anruf eines Kollegen der seine Kündigung mitteilte. Er wolle mit 35 Jahren endlich eine Frau finden und eine Familie gründen. Dies sei ihm durch seine Fernfahrerei ohne richtige Wochenenden und der Möglichkeit von festen Verabredungen bisher verwehrt gewesen. So schön der Beruf auch ist, ist er auch mit Entbehrungen verbunden. Und hart ist er allemal! Aufstehen, Truckerdusche, kurz was hinter die Kiemen, rauf auf die Straße und Kilometer machen. Es bleibt keine Zeit für Sehenswürdigkeiten, außer der Moment, an den sie vorbeiziehen. Alle Kollegen, die ich auf dieser Reise kennengelernt habe, nehmen das in Kauf, halten ihre Trucker – Ehre sehr hoch und die deutsche Industrie damit auch am Laufen. Für mich sind sie die einsamen Füchse des Asphalts, die Helden des Alltags und in der Zeit der Pandemie ganz besonders. Elefantenrennen auf der Autobahn sehe ich heute jedenfalls mit anderen Augen…

 

Auf dem Autohof in Linthe war dann meine Reise zu Ende. Sie wird mir lange im Gedächtnis bleiben und ich habe einen neuen Blick für alle Brummifahrer dieser Welt.

 

Peter Helbig

Trebbin / Kliestow

 

 

 

Fotos: Peter Helbig