Soziales Engagement von Berliner Kameraden hilft


Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission.
Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission.

„Im Moment ist es etwas ruhiger, kommt doch bitte rein“, begrüßt uns Dieter Puhl, Leiter der evangelischen Bahnhofsmission in der Jebensstraße und führt uns gleich in die Räumlichkeiten. Wir, das sind Gerd Buchwald, Ulrich Hesse und Heiko Leistner, „angetreten“ um eine Geldspende zu übergeben.

 

Die Jebensstraße in Berlin-Charlottenburg, das sind 150 Meter widersprüchlicher Gegensätze. Gegensätze von Stadtkultur und Armut, Ausstellungen und Obdachlosigkeit.

Geht man von der Hardenbergstraße aus in die Jebensstraße ist zunächst linker Hand ein Teil des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg zu passieren, während gegenüber die Eingangstüren zum Bahnhof Zoologischer Garten permanent auf- und zugehen. Ein paar Meter weiter folgt das Haus der Union Evangelischer Kirchen und im Anschluss das Gebäude des Museums für Fotografie sowie der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Gebäude aus den Jahren 1900 bis 1930. Diese Häuser nehmen die eine, der Bahnhof die ganze andere Seite ein. Was in dieser Straße einheitlich zu beobachten ist, sind die Obdachlosen, die entweder im Bahnhofsbereich sitzen bzw. sich in Schlafsäcken entlang der Bürgersteige verteilen.

 

„Jedes Lächeln, dass wir zum Dank bekommen zeigt uns, dass wir unsere Aufgabe wohl ganz gut meistern.“

 

„Das sind alles unsere Gäste, wenn sie zu uns kommen, sei es für eine Mahlzeit, Schuhe oder Bekleidung. Sie sind Gäste und wir bieten ihnen unsere Gastfreundschaft gerne an“, erklärt uns Dieter. Wir sitzen in seinem kleinen Büro, trinken Kaffee, während im Hintergrund die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu sehen sind. Dieter ist seit sechs Jahren Leiter der Bahnhofsmission.

„Damals kamen ca. 400 Gäste, heute bis zu 800. Es ist für uns eine tägliche Herausforderung, als Christ und Mensch, das alles zu organisieren. Aber jedes Lächeln, dass wir zum Dank bekommen zeigt uns, dass wir unsere Aufgabe wohl ganz gut meistern.“

Der Jebensstraße eilt, trotz Imageaufwertung, ein schlechter Ruf voraus. Traurig berühmt wurde sie in den 1970er Jahren, als dort der berüchtigte Drogenstrich Berlins zugegen war. Gerade die detailreiche Erzählung im Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ zeugte von der Hilflosigkeit der Behörden in dieser Zeit. Vor einigen Jahren zog das Museum für Fotografie / Helmut Newton Stiftung in die Jebensstraße 3, wo Berliner und interessierte Touristen dessen Fotos betrachten können. Geht man jedoch morgens um sechs Uhr die Straße entlang sieht man einige Obdachlose beim Aufwachen bzw. leisen Schnarchen in ihren Schlafsäcken. Vor der Tür der Bahnhofsmission hat sich schon eine Schlange Wartender gebildet um ein Kaffee, Tee und belegte Brote in Empfang zu nehmen.

 

Wenn man beginnt sich aufzugeben, versinkt man in der Anonymität

 

„Die Großstadt frisst einen auf. Wenn du hier strandest, ohne Papiere und auf den Ämtern abgewiesen wirst, keine Wohnung bekommst, dir die Sozialhilfe verweigert wird, dann stumpfst du nach einer Weile ab, fängst an zu trinken, nimmst Drogen, gibst dich langsam auf und du versinkst in der Anonymität. Das Schlimme daran ist, dass die Gesellschaft dann dieses Bild sieht. Ach, ein Penner, der versäuft doch nur meinen Euro, den ich in den Becher werfe.“ Dieter erklärt sachlich, aber mit sanfter Stimme. Das lenkt davon ab, intensiver nachzudenken.

„Wisst ihr eigentlich was dringend gebraucht wird? Kleidung? Ja! Schuhe? Auch und zwar große Größen. So ab 45 bis 50. Und wisst ihr was ebenfalls dringend benötigt wird? Unterwäsche, Socken und Schlafsäcke? Auch, aber vor allem Damenhygieneartikel. Wir haben viele Obdachlose Frauen, die benötigen das halt einmal im Monat.“

Manch einer lebt unfreiwillig auf großen Fuß.
Manch einer lebt unfreiwillig auf großen Fuß.

Ende 2015 eröffnete die Bahnhofsmission, mit Unterstützung der Deutschen Bahn AG das Hygienecenter gleich nebenan. Pro Tag können 120 Gäste sich duschen, die Haare schneiden und Wäsche waschen lassen. Und das wichtigste, die Toilette besuchen. Ein Problem, mit dem alle Anrainer in der Straße zu kämpfen haben, ist das wilde Urinieren in allen Häuserecken. Manche Hausbesitzer „wässern“ morgens die Tatorte, um eine intensive Geruchsbelästigung zu unterbinden.

Tief beeindruckt kommen wir zu unseren eigentlichen Anliegen. Kamerad Gerd Buchwald zieht einen Umschlag aus seiner Hosentasche.

„Hier ist eine Spende, die ich euch gerne persönlich überreichen möchte, sie kommt von Herzen“, und reicht den Umschlag an Dieter. „Darf ich fragen, wie wir zu dieser Ehre kommen?“ Gerd atmet tief durch und erzählt mit gefasster Stimme:

„Dies ist die Spendensumme, die auf der Beerdigung meiner Frau gesammelt wurde. Anstatt Blumen am Grab abzulegen, war es mir eine Herzensangelegenheit, dass die Gäste einen Betrag in die Spendenbox legten. Das es 800 Euro geworden sind hat mich sehr gerührt. Ich möchte dir den Betrag jetzt gerne übergeben, weil ich weiß, dass das Geld hier in guten Händen ist.“ Nach einem kurzen Moment der Stille steht Dieter auf und sagt: “Dafür benötigst Du eine Quittung. Bürokratie muss sein“, und lächelt in die Runde. „Mit dem Geld können wir ordentlich was einkaufen, das wird eine Weile halten. Vielen Dank euch!“

 

„Ihr kamt um zu Spenden und seid als Freunde gegangen“

Spendenübergabe (v.l.n. r.: Dieter Puhl, Jana Grösche, Gerd Buchwald und Ulrich Hesse)
Spendenübergabe (v.l.n. r.: Dieter Puhl, Jana Grösche, Gerd Buchwald und Ulrich Hesse)

Es ist jetzt Nachmittag, die Schlange vor der Tür ist wieder länger geworden. Neben Alltags-Smalltalk der Wartenden, mischen sich auch Gebrüll, Flüche und unverständliche Wortfetzen. Bierflaschen werden geöffnet, manch Eine auch geteilt und keine fünf Meter weiter tönt ein leises Schnarchen aus einem Schlafsack. Einer hat ein Radio, aus dem Musik dröhnt, ein Anderer liest eine Zeitung. Obwohl es chaotisch wirkt, kommt es einem dennoch geordnet vor, man wartet halt.

Wie sagte Dieter zum Abschied? „Ihr kamt um zu Spenden und seid als Freunde gegangen“.

 

Soziales Engagement im Kyffhäuserbund ist eine der Grundsäulen. Eben eine Tradition seit 230 Jahren!


Randbemerkung:

Die Bahnhofsmission, in der Jebensstraße ist durchgehend geöffnet. Neben einer finanziellen Unterstützung durch den Berliner Senat und der Berliner Tafel sind Sach-, Lebensmittel- und Geldspenden gerne gesehen. Je nach Jahreszeit sind Schlafsäcke im Winter und Sonnencreme im Sommer schnell vergriffen.

Weitere Infos unter: www.berliner-stadtmission.de


Autor und Fotos: Heiko Leistner, stellv. Landesvorsitzender LV Berlin