Gedenkfeier der Kyffhäuser Kameradschaft Grüsselbach zum 78. Jahrestag des 20. Juli 1944

Am 20. Juli 1944 versuchten Männer um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit einem Umsturz Hitler zu töten und damit den Krieg zu beenden. Hierzu gehörte der General der Infanterie Alexander von Falkenhausen. Mit ihrer jährlichen Gedenkfeier erinnert die Kyffhäuser Kameradschaft an die Opfer dieses Umsturzversuchs auf dem Waldhof Friedhof bei Grüsselbach. Bei hochsommerlichen Temperaturen nahmen über 70 Teilnehmer an der Gedenkfeier teil. Die Gedenkrede hielt Oberstleutnant Dominik Schellenberger. In einem Vortrag im DGH Grüsselbach informierte Wendelin H. Priller über das Soldatenleben von General von Falkenhausen und die persönlichen Verbindungen zum Waldhof in Grüsselbach.

Der Vorsitzende der Kyffhäuser-Kameradschaft, Alfred Gollbach, konnte Oberstleutnant Dominik Schellenberger, Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 391 in Bad Salzungen begrüßen, der die diesjährige Festrede hielt. Ebenso Kameraden der Kyffhäuser-Kameradschaften Großentaft, Rasdorf und Grüsselbach. Besonders begrüßte er die Abordnung der Soldatenkameradschaft 1888 Fulda mit der Vorsitzenden Katarina Roder und der IOS (Internationale Offiziers- und Soldatenkameradschaft) mit deren Präsidenten Günter Wolf, die Reservisten der Kameradschaften Rhön-Fulda, Hünfeld, Eiterfeld, Marbach und die Marine-Reservisten aus Großentaft, I. Beigeordneten Christoph Pralle der Point Alpha Gemeinde Rasdorf, Ortsvorsteher von Grüsselbach, Frank Gollbach, Vorsitzendenden des Kyffhäuser Bundes Hessen, Werner Deubel, Stellv. Vors. Fördervereins Point Alpha, Berthold Jost, Oberstleutnant d. R. Alexandra Förster, Oberst Dr. Walter Arnold und Oberst d. R. Michael Sauer aus Rheinland Pfalz.

Oberstleutnant Schellenberger: „Wir sind hier versammelt, da sich heute vor 78 Jahren deutsche Offiziere um Oberst Graf von Stauffenberg staatlichem Unrecht entgegenstellten und versuchten, Deutschland von der nationalsozialistischen Diktatur zu befreien sowie den Rechtsstaat wiederherzustellen. Vor diesem wahrhaft denkwürdigen Hintergrund möchte ich gemeinsam mit Ihnen beleuchten, worum es im Kern am damaligen 20. Juli im Lichte der nationalsozialistischen Diktatur ging und worum es am heutigen 20. Juli im Lichte des Kriegs in der Ukraine geht.

Ihre staatspolitischen Ziele hatten die Verschwörer des 20. Juli 1944 in einer geplanten Regierungserklärung niedergelegt. Das Original dieser Regierungserklärung befindet sich in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, an der ich während meiner zurückliegenden Verwendung im Bundesministerium der Verteidigung tagtäglich vorbeigehen durfte.

Die Verschwörer des 20. Juli erklärten die Wiederherstellung der „Majestät des Rechts“ zu ihrem ersten Ziel; ihr Bestreben war es, staatliche Willkür zu unterbinden und sich von Anstand und Gewissenhaftigkeit leiten zu lassen, um so Rechtstaatlichkeit und Redlichkeit wiederzuerlangen. Denn, so lautete ihre feste Überzeugung, „keine menschliche Gemeinschaft kann ohne Recht bestehen.“ Eng hiermit verbunden war für die Verschwörer des 20. Juli auch die Wiederherstellung der Moral.

Die politische Willkür einer Partei sowie die Entrechtung ganzer gesellschaftlicher Gruppen und ihre Verfolgung empfinden wir bis heute als einen Schandfleck in der deutschen Geschichte. Genauso empfanden es auch die Soldaten des Widerstands um Oberst Graf Stauffenberg. In diesem Sinne war der 20. Juli 1944 vor allem ein Widerstand der Soldaten. Die am Umsturzversuch beteiligten Männer und Frauen erhoben sich gegen die menschenverachtende Herrschaft des Nationalsozialismus; sie wagten den Umsturz eines Regimes, das seinen verbrecherischen Vernichtungskrieg auch gegen das eigene Volk führte.

Die Widerstandskämpfer ließen sich dabei von ganz unterschiedlichen politischen und religiösen Motiven leiten, vor allem aber von ihrem soldatischen Selbstverständnis und ihrem Gewissen. Auf diese Weise schärft der 20. Juli 1944 auch und insbesondere den Blick für die Bedeutung des Gewissens. Der Pflicht zum unbedingten Gehorsam, oftmals auch als „Kadavergehorsam“ bezeichnet, werden in den Augen der Verschwörer des 20. Juli durch Recht und Gewissen klare Grenzen gesetzt.

Auf dem Boden des nicht wieder gut zu machenden Unrechts von damals wuchs in der Folge die Pflanze unseres Grundgesetztes, welche bis heute zu einem starken Baum mit einem freiheitlichen Rechtsstaat sowie einer demokratischen und wehrhaften Grundordnung als zentrale Äste gediehen ist. Gerade im historischen Vergleich sind diese Äste heute so stabil und kraftvoll wie nie zuvor.

Jedoch dürfen wir das Gedeihen dieses Rechtsstaats- und Freiheitsbaumes nicht und niemals für selbstverständlich erachten, denn der Baum unterliegt Angriffen von innen wie von außen. Damit schlagen wir die Brücke vom 20. Juli 1944 zum heutigen 20. Juli, welcher meiner Meinung in einem unverkennbaren Zusammenhang zum 24. Februar dieses Jahres steht.

Nach der gewaltlosen deutschen Wiedervereinigung in 1989/90 und dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 erfahre ich persönlich – wie viele von Ihnen – derzeit mit dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine die dritte Zeitenwende in meinem Leben. Alle drei Zeitenwenden sind und werden mir auf jeweils unterschiedliche Art und Weise unvergesslich bleiben.

In 1989 riss mich meine Mutter am Tag der Grenzöffnung als zehnjähriges Kind aus dem Schlaf und schleppte mich förmlich an den nahegelegenen Grenzübergang zwischen Rasdorf und Buttlar. Sie sagte damals: „Heute wird Geschichte geschrieben!“ und sie sollte recht behalten. Heute bin ich dankbar, dass ich damals dabei sein durfte, als sich ein künstlich entzweites Volk wieder in die Arme schloss.

Am Tag der zweiten Zeitenwende, dem 11. September 2001, befand ich mich nach erfolgreich absolviertem Fahnenjunkerlehrgang mit meiner heutigen Frau im Sommerurlaub auf Gran Canaria und konnte den Fernsehbildern aus Manhattan kaum Glauben schenken. Fast genau 10 Jahre später und quasi ausgelöst durch den 11. September 2001 erlebte ich am 14. August 2011 als Kompaniechef in Afghanistan im Raum Kunduz meinen ersten Anschlag von Talibankämpfern mit einer improvisierten Sprengfalle. In dem Moment, als der unmittelbar vor mir fahrende Schützenpanzer in einer mächtigen Detonations- und Staubwolke verschwand, wurde mir meine Verantwortung als Soldat und militärischer Vorgesetzter so klar, wie zu keinem anderen Zeitpunkt meiner bisherigen Dienstzeit.

In gleicher Weise wird mir die Zeitenwende des 24. Februar dieses Jahres unvergesslich bleiben. Am Tag zuvor traten die Soldatinnen und Soldaten des Panzergrenadierbataillons 391 in der Werratalkaserne in Bad Salzungen am dortigen Ehrenmal an. An diesem 23. Februar sagte ich den Soldatinnen und Soldaten, dass Russland eine Drohkulisse aufgebaut habe, die möglicherweise einem groß angelegten Einmarsch dienen würde.

Nur einen Tag später wussten wir, dass der Westen durch Russland belogen und dass dieser Einmarsch Realität geworden war. Diese dritte, neuerliche Zeitenwende ist einfach auf den Punkt zu bringen: Weil ein Einzelner die Macht des Stärkeren über das Recht und die Freiheit anderer stellt, herrscht wieder Krieg in Europa.

Dieser heutige Krieg verstößt gegen alle bekannten Regeln der internationalen Ordnung und ist durch rein gar nichts zu rechtfertigen. Hiervor kann und darf der gesamte Westen und können und dürfen insbesondere wir Deutsche unsere Augen nicht verschließen. Und schon gar nicht dürfen wir die russische Aggression auf irgendeine Art und Weise verharmlosen.

Wie am 20. Juli 1944 geht es also auch am heutigen 20. Juli um Widerstand, doch meines Erachtens nach nicht so sehr um Widerstand wogegen, sondern vielmehr um Widerstand wie und wofür. Es geht darum, mutig und tapfer für unsere Werteordnung sowie für Recht und Freiheit einzutreten. Es kommt also darauf an zu wissen, wie und wofür Streitkräfte dienen.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das „Wofür“. Streitkräfte sind kein Selbstzweck und dürfen nicht dem Willen eines Einzelnen dienen. Vielmehr sind sie dem Schutz der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, seiner freiheitlichen demokratischen Grundordnung sowie der Rechtstaatlichkeit und Menschlichkeit verpflichtet. Genau dies tun die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, indem sie geloben bzw. schwören, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.

Diese Eidesformel leitet unmittelbar vom „Wofür“ zum „Wie“ über. Der Soldatenberuf ist anders als andere Berufe, denn keine andere Berufsgruppe ist zur Tapferkeit verpflichtet. Eine unserer zentralen Führungsvorschriften bringt dies mit Blick auf das soldatische Selbstverständnis wie folgt auf den Punkt. Dort heißt es:

„Alle Soldatinnen und Soldaten sind ‚Staatsbürger in Uniform‘. Sie sind den Werten und Normen des Grundgesetzes in besonderer Weise verpflichtet. Sie haben der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Ihr militärischer Dienst schließt den Einsatz der eigenen Gesundheit und des eigenen Lebens mit ein und verlangt in letzter Konsequenz, im Kampf auch zu töten (…).“

 

Dem Selbstverständnis der Verschwörer des 20. Juli 1944 um Oberst Graf Stauffenberg folgend, prägen wir unsere heutigen Soldatinnen und Soldaten als sogenannte „Staatsbürger in Uniform“, die glasklar wissen, wofür sie einstehen und wie sie dienen sollen. Am Beispiel der Ukraine sehen wir tagtäglich, dass genau dies kriegsentscheidend sein kann. Denn die Ukrainer wissen, wofür sie kämpfen, nämlich für das Überleben ihrer Nation.

Auf diese Weise stellen der 20. Juli 1944 und der aktuelle Krieg in Europa ein Brennglas dar – für unsere Gesellschaft als Ganzes, aber insbesondere auch für die deutschen Streitkräfte. Das wesentliche Vermächtnis der Verschwörer um Oberst Graf von Staufenberg liegt darin zu wissen,

· dass wir unserem Vaterland gewissenhaft dienen und

· dass wir – werden wir gebraucht – dessen Recht und Freiheit tapfer verteidigen.

Darin liegt der innere Zusammenhang des 20. Juli 1944 und des heutigen 20. Juli. Dies ist Aufgabe und Verpflichtung zugleich, aber darauf dürfen wir auch stolz sein, denn: Wir – dienen – Deutschland!“

 

 

Die Gedenkfeier endete mit einer Kranzniederlegung, dem gemeinsamen Singen unserer Nationalhymne und einem Trompetensolo von Johannes Balzer. Anschließend fand ein Treffen im Dorfgemeinschaftshaus Grüsselbach statt. Während dieser Zusammenkunft sprachen Oberst Dr. Walter Arnold, der Präsident der Internationalen Offizier- und Soldatengesellschaft e.V. Hauptmann d. R. Günter Wolf und die Vorsitzende der Fuldaer Soldatenkameradschaft Katarina Roder ein Grußwort.

 

Kyffhäuser Kameradschaft Grüsselbach

Berthold Jost

 

 

Bildnachweis: Berthold Jost